Folge 61: Dumm, dümmer, X

Ist es Ihnen auch schon mal so ergangen, dass jemand ein Adjektiv auf „kreative“ Weise gesteigert hat, also zum Beispiel „dumm – dümmer…“ und statt „am dümmsten“ hat dieser Jemand dann etwas anderes eingesetzt, zum Beispiel eben eine Person, die er für dumm hält. Nein? Dann haben Sie noch einmal Glück gehabt. Nicht alle sind so glimpflich davongekommen.

Ich hasse „dumm, dümmer, X“.

Reden wir gar nicht lange dumm drum herum und beginnen gleich mal mit einem Beispiel:

Der Twitter-User hält sich und seine alliterierende Steigerungsform für so genial, dass er sie mehrfach unter Tweets der Tagesschau gepostet hat. Wieder mal kann man übrigens feststellen, dass eine abgedroschene Konstruktion bei Rechten, Verschwörungsideologen u. Ä. besonders hoch im Kurs steht. Das aber nur nebenbei, denn es geht mir nicht um die jeweilige Sache, auch „Dumm, dümmer, Trump“ fände ich Scheiße – gerade deshalb, weil jeder vernünftig denkende Mensch bereits mitbekommen hat, wie riegeldumm Donald Trump ist.

Wer diese Konstruktion benutzt, will immer nur sein eigenes Weltbild und die dazugehörigen Vorurteile bestätigt wissen. Und wenn sich mal wieder, oh Wunder, in der eigenen Wahrnehmung alles so darstellt wie vorher zurechtgelegt, darf man sich wieder so richtig schön reinsteigern. Eigentlich sollten wir uns alle einig sein, dass sich diese Form der verächtlichmachenden Sprache auf Kindergarten-Niveau bewegt. Tragisch, wenn man nicht mal kreativ pöbeln kann.

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Dumm – dümmer – Leute, die statt „am dümmsten“ etwas anderes einfügen. Wobei manche ja sogar den Superlativ noch mitnehmen und dann erst X nennen. Das ist natürlich noch… dümmerer. Und ja, natürlich ist das auch bei anderen Adjektiven nervig. „Unlustig – unlustiger – dieser Text hier.“ – würde jetzt wahrscheinlich so mancher Dumm-Dümmer-X-Sager sagen.

Aber ich möchte mir nicht nachsagen lassen, hier nur rumzumeckern, sondern auch konstruktiv sein. Was können wir also dagegen tun?

Vermutlich nicht viel. Aber es gibt Hoffnung. Natürlich könnte man wieder korrigierend eingreifen und darauf hinweisen, dass der Superlativ von „dumm“ anders lautet. Oder dass unsere Sprache bereits über verschiedene Möglichkeiten der Steigerung verfügt, wie etwa Gradpartikeln. Gerade das Wort „sehr“ könnte man diesen Leuten ja ans Herz legen.

Aber nein. Das löst nicht das grundsätzliche Problem, das hinter dem Ganzen steht: Die Polemisierung unserer Gesellschaft. [Hier noch weitere kluge Beobachtungen einfügen.] Deshalb gibt es nur eine Lösung: Wir müssen sprachlich abrüsten. Und das bedeutet konkret: Wir müssen lernen, auch die Grauzonen der Dummheit zu erkennen. Ich habe deshalb ein Aussteiger-Programm für Dumm-Dümmer-X-Sager entwickelt („50 Shades of Dummbeutel“). Sie können es Freunden und Bekannten ans Herz legen, die bedroht oder gar kurz davor sind, endgültig ins Dumm-Dümmer-Milieu abzurutschen.

Schritt 1: Probieren Sie zunächst, nicht mehr den Superlativ, sondern nur den Komparativ mit X zu besetzen. Beispiel: dumm – Leute, die in der Straßenbahn die Tür blockieren – am dümmsten

Damit sagt man aus, dass Leute, die in der Straßenbahn die Tür blockieren zwar dümmer sind als viele andere, aber jetzt eben auch nicht unbedingt zum dümmsten Teil der Bevölkerung gehören. Falls Sie da jetzt anderer Meinung sind: Ach, seien Sie nicht so hart. Das kann doch mal passieren. Mal ehrlich: Wer noch nie aus Versehen in der Lichtschranke stand, werfe den ersten bösen Blick.

Schritt 2: Irgendwann, wenn Sie sich an die Bildungsweise mit dem Komparativ gewöhnt haben, können Sie so langsam den nächsten Schritt gehen und zum Positiv rutschen. Wieder ein Beispiel: Leute, die „Hätte, hätte, Fahrradkette“ sagen – dümmer – am dümmsten

Zweifelsohne: Leute, die „Hätte, hätte, Fahrradkette“ sagen, sind Dummbeutel, das möchte ich ja gar nicht bestreiten. Aber sind sie dümmer als andere? Naja, vielleicht schon. Aber seid nicht so hart, denkt Positiv!

Schritt 3: Ja, Sie haben es richtig erkannt: Das Vorgehen im vorangegangenen Schritt ist antiklimatisch, es widerspricht dem Aufbau einer Pointe. Und wo, wenn nicht in Deutschland ist es völlig inakzeptabel, nicht lustig zu sein? Deshalb müssen Sie nun gänzlich vom dumm-dümmer-Schema abrücken. Ich weiß, es ist schwer, aber versuchen Sie sich zunächst an der gemäßigten Beleidigung. Bezeichnen Sie Leute als „Halbidiot“. Später dann vielleicht nur noch „Viertelidiot“. Und irgendwann dann vielleicht nur noch „2,5-Promille-Idiot“. Oder so.

Schritt 4: Es ist nicht leicht, aber versuchen Sie etwas Nettes zu sagen. Schmeicheln Sie Ihren Mitmenschen. Ich würde es Ihnen zwar nicht empfehlen, weil die Rückfallchancen höher sind, aber wenn Sie unbedingt mögen, können Sie dabei wieder auf das Steigerungsschema zurückgreifen. Nur eben mit schönen Adjektiven. Komplimente hört jeder gerne. Im Idealfall sind Ihre Mitmenschen so dumm, dass sie die Heuchelei gar nicht verstehen.

Sicherlich haben Sie alles verstanden und werden es sofort in die Tat umsetzen. Scharfsinnig, scharfsinniger, Sie! Ja, ganz recht, ich meine genau Sie, der/die gerade diesen Text liest!

Ich möchte mich ja nicht selbst loben und tue das auch ganz selten, aber genial, genialer, mein Aussteiger-Programm! Alleine können wir nicht viel ausrichten, aber gemeinsam, ja, gemeinsam können wir es schaffen!

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