Die Scheiße-Lieferanten

Vielen Dank! Dankeschön! Ich freue mich sehr, dass ich hier sein darf, dass ich hier eingeladen wurde. Das ist leider keine Selbstverständlichkeit, nicht überall werde ich so freundlich empfangen wie hier, nicht überall darf ich über das sprechen, was mich in meinem Innersten bewegt. In den folgenden Minuten werde ich euch – nein, DIR – ein bisschen von meinem Beruf berichten. Denn mittlerweile kann ich voller Stolz sagen: Ich war Deutschlands erster Scheiße-Lieferant. Und nein, „Scheiße“ ist hier nicht im übertragenen Sinne gemeint, ich habe keine Zeitungen ausgeliefert oder so. Ich rede wirklich von richtiger, echter Scheiße. „Heißer Scheiß“ heißt die Firma, für die ich lange Zeit als Lieferant tätig war. Der Slogan „Wir liefern Scheißhaus“ hatte sich knapp gegen „Da ist die Kacke aber mal so richtig am Dampfen!“ durchgesetzt. Derzeit kostet die Scheiße pro 100 Gramm genau 1,80 € – ein fairer Preis, oder? Darf’s auch ein bisschen mehr sein?

Vielleicht fragst du dich jetzt, warum die Leute nicht einfach ihre eigene Scheiße essen, das wäre ja immerhin gratis. Nun ja, sie sind eben einfach nicht in der Lage, eine solche Scheiße zu produzieren wie wir – das betrifft sowohl die Qualität als auch die Quantität. Für manche reicht die eigene Scheiße bei Weitem nicht aus und viele trauen sich wohl noch nicht, zu den Nachbarn rüberzugehen und zu fragen: „Könnten Sie mir vielleicht ein Eimerchen Ihrer Scheiße borgen?“ Und der Kenner weiß: Scheiße ist nicht gleich Scheiße. Das heißt, manche Kunden, die sogenannten Hardliner, bevorzugen die feste Scheiße, andere wiederum mögen es eher flüssig. Hier gibt es also verschiedene Strömungen und vereinzelte Kunden – das habe ich mit eigenen Augen gesehen – tragen die Scheiße sogar als schicke Kopfbedeckung oder nehmen ein Bad darin. Aber die meisten fressen sie einfach. Das ist das Schönste an diesem Job: In die hungrigen Gesichter derjenigen zu blicken, die einem gerade die Tür öffnen, in freudiger Erwartung eines Päckchens feinster, dampfender Scheiße. Natürlich blieb ich aber nicht lange der einzige Scheiße-Lieferant, und auch die Produktion hat sich immer breiter aufgestellt. Mittlerweile gibt es schon unzählige Scheißer, die uns mit ihrem Besuch beehren, wenn sie denn müssen. Sie sitzen in den Büros, Eimer an Eimer, und pressen um die Wurst. Und das Geschäft läuft ausgezeichnet. Die Auslieferung der Scheiße erfordert eine gute Planung, denn selbstverständlich möchte niemand Scheiße geliefert bekommen, die schon mehrere Tage rumliegt. Das wäre ja eklig. Haha. Und die meisten Kunden möchten ihre Scheiße noch warm, sodass ich bei der Auslieferung schnell sein musste.

Jaja, ich habe es mitbekommen: Das, was ich dir da so erzähle, klingt irgendwie lustig für dich, du nimmst uns gar nicht so richtig ernst. Tja, so ging es vielen, es gibt viele, die sich zuerst aus Spaß einen Haufen Scheiße nach Hause bestellt haben. Aber soll ich dir was sagen? Nicht gerade wenige davon gehören mittlerweile zu unseren treusten Kunden, wir haben sie mit unserem Angebot erfolgreich angelockt. Und ja, wahrscheinlich bist du nicht nur belustigt, sondern auch ein bisschen angeekelt von uns, das kann schon sein, vielleicht ist es für dich sogar kaum zu ertragen, wie ich hier ganz offen über Scheiße rede. Aber dieser Ekel wird sich nach und nach legen, denn du wirst dich mit der Zeit daran gewöhnen und irgendwann, ja, irgendwann wirst auch du endlich erkennen, wie gut unsere Scheiße schmeckt. Auch mir ging es übrigens so, auch ich esse mittlerweile nichts anderes mehr als Scheiße. Ich identifiziere mich zu 100 Prozent mit meiner Firma, wenn man es überhaupt noch Firma nennen kann, denn mittlerweile sind wir wohl eher so etwas wie eine Bewegung. Und wir sind eine Bewegung, die stets größer wird, in allen größeren Städten Deutschlands haben wir mittlerweile einen Stützpunkt. Noch sind wir zwar in der Minderheit, noch wird die Scheiße diskret verpackt, offenbar schämen sich noch die meisten Leute für ihr Bedürfnis nach Scheiße und wollen nicht in der Öffentlichkeit darüber sprechen. Aber das wird sich schon bald ändern, bald wird unsere Scheiße in aller Munde sein.

Ganz genau: Auch in deinem. Denn wir schieben sie dir hinten und vorne rein. Wir scheißen dich so was von zu mit unserer Scheiße, dass du keine ruhige Minute mehr hast. Wir schicken dir jeden Tag Scheiße in einem Paket, das schickst du zurück. Einmal, zweimal, vielleicht sogar ein drittes Mal. Aber wir schicken dir jedes Mal mehr und irgendwann kommt dann nun mal der Punkt, da bist du so mürbe und so fertig und die Versuchung ist so groß, dann nimmst du sie, und dann haben wir dich. Dann gehörst du uns. Dann wirst auch du dir die Scheiße aufs Brot schmieren und irgendwann lässt du das Brot ganz weg, weil es dir nicht mehr schmeckt, weil du nur noch unsere Scheiße fressen willst. Aber wir können das alles auch ein bisschen verkürzen, hier, ich habe gerade eine große Ladung dabei, möchtest du vielleicht jetzt gleich ein bisschen was probieren? Na los, schlag zu, es ist kostenlos, steck ruhig dein ganzes Gesicht rein und stopf dir die Scheiße nur so in den Schlund, bis sie dir aus dem Mund quillt und ein dicker Fladen auf den Boden klatscht. Na, schmeckt’s? Hmmmmm. Lecker, leckere Scheiße. Iss dich ruhig satt, wir haben noch mehr, es mangelt nicht an Nachschub. Oh, na so was, du kannst sie noch nicht runterschlucken, du musst würgen, du musst kotzen? Keine Angst, das wird sich schon noch ändern, irgendwann wirst auch du sie schlucken und uns ein ganz bezauberndes braunes Lächeln schenken. Und dann wirst du gierig sein nach mehr, dann wirst du dich bücken und die Scheiße vom Boden auflecken. Gegen unsere Scheiße hast du doch gar keine Chance, begreifst du das denn nicht?

Einige haben es schon begriffen, sie haben endlich angefangen selbst zu denken. Wir spüren, wie unsere Aufklärungsarbeit Früchte trägt, wie immer mehr Leute sich trauen, ihr Inneres nach außen zu kehren und ihr wahres Gesicht zu zeigen. Natürlich echauffieren sich manche über uns, noch wird die Scheiße von manchen mies und lächerlich gemacht und es hat sich sogar so etwas wie eine Anti-Scheiße-Bewegung entwickelt. Aber es ist zu spät, der Shitstorm lässt sich nicht mehr aufhalten, wir spüren, wie wir immer weniger Gegenwehr bekommen, wie wir mehr und mehr zur Normalität werden. Wir gehen zunächst ganz friedlich und überlegt vor, aber wir schmieren unseren Gegnern so lange Scheiße ums Mal, bis wir endlich so weit sind, dann sind sie es, die wir in die Kanalisation entsorgen. An deiner Stelle würde ich mich also rechtzeitig zur Scheiße bekennen, denn der Tag wird kommen, an dem wir alle Unterstützer und Befürworter der Anti-Scheiße-Bewegung zur Rechenschaft ziehen werden! Dafür lebe und arbeite ich. Denn ich bin mittlerweile nicht mehr als Scheiße-Lieferant tätig, sondern wurde befördert und habe nun eine Führungsposition inne. Ich werde alles dafür tun, den Begriff „Scheiße“ wieder positiv zu besetzen, die Bevölkerung von allen anderen Gedanken zu reinigen und ein riesiges Denkmal der Scheiße in ihre Gehirne zu pflanzen. Und dann wird es zu spät sein, dann wird niemand mehr den vollständigen Sieg der Scheiße aufhalten können. Und dazu, um endlich wieder die Macht zu ergreifen, habe ich einen neuen, besseren Slogan für uns entwickelt: „Machen wir (in) Deutschland endlich wieder groß!“

[geschrieben im März 2017, überarbeitet im Juli 2019]

Die Scheiße-Lieferanten

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