Alle Tassen im Schrank
Herr Albrecht war ein Mann der Logik. Und wenn sich die Dinge nicht an ihre Gesetzmäßigkeiten hielten, ärgerte ihn das. Was Herr Albrecht dabei am allermeisten verabscheute, waren Redewendungen. Zum Beispiel „Mit dem ist nicht gut Kirschen essen“ – Schön und gut, aber warum sagte man dann bei einer freundlichen Person nie „Mit dem ist gut Kirschen essen“? Eine Aussage musste immer in ihr Gegenteil verkehrt werden können, andernfalls war sie sinnlos.
Genau das war die Lösung! Um wieder ein Gleichgewicht in der Logik herzustellen, musste er für jede negative Redewendung auch ihre Bejahung einführen. Schon bald hatte er eine stattliche Zahl in seiner Excel-Tabelle gesammelt. Zu „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ gesellte sich nun „Der Apfel fällt auch mal etwas weiter weg vom Stamm“ – das konnte man nun zu Leuten sagen, die sich anders als ihre Verwandten verhielten. Wenn man jemanden für seine Rationalität loben wollte, so sagte man: „Du hast doch noch alle Tassen im Schrank!“. Und wenn man einer besonders guten Idee zustimmen wollte, hieß es nun: „Kommt in die Tüte!“. Er war so zufrieden mit seiner Arbeit, dass er es angemessen fand, den Tag auch mal vor dem Abend zu loben.
Doch dann rief ihn Sibylle, seine Frau, zum Essen. Er begann begeistert, von seiner revolutionären Idee zu erzählen. Als er seinen Monolog beendet hatte, sagte Sibylle etwas. Aber er hörte nicht richtig zu, denn er konnte sich auf nichts anderes konzentrieren.
Schließlich bemerkte Herr Albrecht, dass ihn seine Frau mit wütenden Augen anblickte. „Entschuldigung, liebe Sibylle, was hast du gerade gesagt?“
„Dass das mit den Redewendungen eine Kack-Idee ist!“, rief Sibylle. „Oder, um es mit deinen Worten zu sagen: Sie ist von schlechten Eltern!“
„Wie bitte?“ Herr Albrecht war brüskiert. „Diese Idee ist doch das Gelbe vom Ei! Du wirst schon sehen, damit locke ich einige Hunde hinter dem Ofen hervor! Und ich werde sehr viele Blumentöpfe gewinnen!“
„Ich habe lange genug ein Blatt vor den Mund genommen!“, rief Sibylle aufgebracht. „Aber jetzt sage ich es: Du bist verrückt!“
„Verrückt?! Na, hör mal, Sibylle, ich hab sie doch noch alle, ich bin ganz knusper!“
„Du bist auf den Kopf gefallen. Und, das ist jetzt persönlich gemeint: Du bist ein Loser! Jeder kann dir das Wasser reichen.“
„Sonst warst du immer so nett zu mir, hast alle guten Haare an mir gelassen. Unser Leben war doch ein Ponyhof, ein Zuckerschlecken. Und jetzt so was. Ist es wegen unseres Streits letzte Woche? Ist das nicht schon längst vergessen?“
„Oh nein“, antwortete Sibylle. „Das ist ganz heißer Kaffee, danach kräht auch jetzt immer noch ein Hahn!“
„Nur weil wir uns einmal gestritten haben, tat das der Liebe einen Abbruch?“, fragte Herr Albrecht.
„Einmal ist einmal. Manchmal macht eben schon eine Schwalbe einen Sommer. Außerdem hast du dich schon immer mit Fehl und Tadel verhalten. Ich habe mir lange genug einen Zwang angetan. Doch dagegen ist ein Kraut gewachsen: Ich verlasse dich.“
Herr Albrecht war schockiert. „Das ist doch ein Beinbruch!“, jammerte er. „Wie kannst du mir das nur antun!“
„Das bringe ich übers Herz. Du bedeutest mir so wenig, das geht auf eine Kuhhaut!“, zischte Sibylle feindselig. „Und soll ich dir was sagen?“
„Ja, sag es mir ins Gesicht, das halte ich im Kopf aus!“
„Ich habe eine Affäre, schon seit Langem. Mit Bruno.“
„Mit Bruno? Was ich weiß, macht mich heiß!“, rief Herr Albrecht wütend. „Ich dachte immer, ich sei dir gut genug!?“
„Wahre Schönheit kennt ein Alter. Und das hast du erreicht.“
Herr Albrecht staunte schlecht. „Ich geh jetzt zu Bruno“, sagte Sibylle und marschierte ins Schlafzimmer, um ihre Sachen zu packen. Herr Albrecht lief ihr hinterher. Er wusste, was er sagen sollte, aber er fackelte lange. Dann begann er zu reden, fahrig, mit Punkt und Komma: „Ich wusste gleich, dass Bruno damit was am Hut hat. Der hat sich schon Vieles zuschulden kommen lassen, der kann vielen Fliegen was zuleide tun, der hat schon öfter jemandem ein Haar gekrümmt.“
„Das musst du gerade sagen“, giftete Sibylle.
„Wer im Glashaus sitzt, kann trotzdem auch mal mit Steinen werfen! Außerdem hab ich mich immer anständig verhalten, ich bin ein Kind von Traurigkeit! Gegen Bruno kann ich anstinken!“
„Pah, Bruno ist so viele Deute besser als du, der macht seine Finger krumm, rührt beide Hände, reißt sich ein Bein für mich raus. Und er hat Ahnung vom Tuten und Blasen.“
„Ok, vielleicht habe ich mich zu oft lumpen lassen“, räumte Herr Albrecht ein. „Aber ich kann mich ändern! Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans vielleicht noch. Ich kann aus meiner Haut raus, das ist ein Ding der Möglichkeit!“
„Alles für ungut, Martin, zwischen uns passen mittlerweile zu viele Blätter Papier.“
Herr Albrecht war ratlos, schließlich sagte er mit mit der Wimper zu zucken: „Aber möchtest du nicht noch einmal drüber nachdenken? Was du heute kannst besorgen, das verschiebe auch mal auf morgen?“
„Aufgeschoben ist aufgehoben“, entgegnete Sibylle und lief mit dem Koffer in Richtung Wohnungstür.
Sie wollte es wahrhaben. Als sie aber die Wohnung verlassen wollte, stellte sich Herr Albrecht in den Türrahmen. „Reisende soll man aufhalten!“, rief er verzweifelt. Doch er ließ sich unterkriegen, denn Sibylle schob ihn einfach zur Seite. „Du bist doch aus Zucker!“, rief sie höhnisch. Herr Albrecht hatte den Schaden und sorgte trotzdem noch für Spott.
Doch er startete noch einen letzten Versuch: „Komm schon“, bettelte er mit Tränen in den Augen. „Bleib hier! Sei ein Frosch!“
Es war für Sibylle ein Angebot, das sie… ablehnen konnte. „Tränen lügen! Bei dieser Show, die du hier abziehst, bleiben zwei Augen trocken. Nämlich meine. Ich gehe jetzt – bis hierher und noch weiter!“
Die Tür krachte ins Schloss und Herr Albrecht blieb allein in der Wohnung zurück. Es war aller Tage Abend. Er setzte sich zurück an den Esstisch und dachte noch einmal über seine Idee nach. Schlecht, Herr Specht.

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