Alle Tassen im Schrank
„Schläfst du schon?“
„NEI-EN!“
Immer wieder musste Herr Albrecht an diese Begebenheit in seiner Kindheit zurückdenken. Nein, es war natürlich nicht nur eine einzige Begebenheit, denn es geschah wieder und wieder, dass sein Bruder Gregor – zwei Jahre jünger als er – ihm diese Frage zuflüsterte. „Schläfst du schon?“
Er hatte ihm mehrmals erklärt, dass man sie nur mit Nein und niemals mit Ja beantworten konnte. Aber Gregor verstand es einfach nicht. Irgendwann kapitulierte Herr Albrecht und schleuderte ihm nur noch sein NEI-EN entgegen, stets im gleichen genervten Tonfall.
Erst nachdem Herr Albrecht sein eigenes Zimmer bekommen hatte, wurde er erlöst. Der jahrelange Umgang mit seinem chaotischen, unlogisch denkenden Bruder hatte jedoch dazu geführt, dass er sich zum genauen Gegenteil entwickelte, er wurde zu einem regelrechten Ordnungsfanatiker. Und dies hielt auch über die folgenden Jahre und Jahrzehnte an, wenngleich er zu seinem Bruder schon längst keinen Kontakt mehr pflegte.
Wie wir alle musste auch Herr Albrecht miterleben, wie die Welt immer komplexer wurde, und er konnte spüren, wie sie mehr und mehr in Unordnung geriet. Bei manchen Fragen sah er durchaus ein, dass es nicht immer nur Schwarz und Weiß, sondern dazwischen auch viele Grautöne gab. Wenn es jedoch um die Frage nach der Wahrheit ging, so war er der festen Überzeugung, dass es diese Zwischentöne nicht gab. Jede Aussage hatte immer einen eindeutigen Wahrheitswert: wahr oder nicht wahr. Es war ein Entweder-Oder, es gab immer nur die eine Wahrheit und die galt es zu finden und mit aller Entschlossenheit zu verteidigen.
Herr Albrecht war zwar Informatiker von Beruf, in seiner Freizeit beschäftigte er sich aber gerne mit Sprache. Er war sogar Mitglied eines Vereins, der sich für die Bewahrung der deutschen Sprache einsetzte. Die allermeisten seiner Vereinsgenossen ärgerten sich über die vielen Anglizismen, die das Deutsche angeblich kaputtmachten. Die Sprache und ihr drohender Verfall, dagegen wollten sie ankämpfen, davor wollten sie warnen. Herr Albrecht konnte das zwar verstehen, allerdings war er nicht der Meinung, dass die Sprache zu verfallen drohte – er war der Meinung, dass das schon längst passiert war oder, besser gesagt, die Sprache von Grund auf erhebliche Mängel aufwies. Warum konnte sie sich nie an die Gesetzmäßigkeiten der Logik halten? Warum gab es ständig irgendwelche Unregelmäßigkeiten und Ausnahmen? Ein besonderes Ärgernis waren ihm die vielen Doppeldeutigkeiten. Aber was er am allermeisten verabscheute, waren Redewendungen. Zum Beispiel Mit dem ist nicht gut Kirschen essen – das hatte seine Mutter hin und wieder gesagt, als er noch ein Kind war. Er hatte kein Problem damit, diesen Spruch zu verstehen, er fragte sich aber, warum es ihn überhaupt gab. Und es irritierte ihn, dass er nicht bejaht werden konnte. Warum sagte man bei einer freundlichen Person nie Mit dem ist gut Kirschen essen? Oder warum sagte man immer Der hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. Warum hieß es nie bei vernünftigen Menschen Der hat noch alle Tassen im Schrank? Derartige Sprüche hatten immer einen eindeutigen Wahrheitswert, eine Aussage musste aber immer in ihr Gegenteil verkehrt werden können, andernfalls war sie sinnlos.
Herr Albrecht zog die Konsequenzen: Er boykottierte all diese Redewendungen. Vielleicht, so dachte er damals, würden sich seine Mitmenschen ein Beispiel an ihm nehmen und sie nach und nach aus der deutschen Sprache eliminiert werden. Doch die Jahre vergingen und sosehr er sich auch Mühe gab, sosehr er auch dagegen wetterte, musste er sich mit der Zeit eingestehen, dass das überhaupt nichts brachte. Selbst unter seinen Vereinskameraden galt er als Sonderling, dessen Anliegen kaum verständlich waren.
Eines Tages fiel ihm jedoch noch eine andere Lösung für sein Problem ein und er wunderte sich, dass sie ihm noch nicht viel früher in den Sinn gekommen war: Er musste die Bejahung dieser Sprüche einführen, wie er sie sich in seinen Kopf bereits ausgemalt hatte. In vielen Bereichen des Lebens ist es so, dass es um ein Vielfaches leichter ist, etwas Vorhandenes zu zerstören, als etwas Neues aufzubauen. Nicht aber in der Sprache: Die alten Redewendungen, das hatte er schmerzlich erfahren müssen, waren kaum aus den Köpfen herauszubekommen, während viele Leute für neue Schöpfungen durchaus empfänglich waren. Deshalb sammelte er Redewendungen, in denen eine Verneinung vorkam. Er legte sich eine Excel-Tabelle an und bekam am Ende eine stattliche Zahl zusammen. Dann begann er mir den „Bejahungen“. Aus dem Sprichwort „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ wurde „Der Apfel fällt auch mal etwas weiter weg vom Stamm“ – das konnte man nun zu Leuten sagen, die sich anders als ihre Verwandten verhielten. Wenn man jemanden für seinen Fleiß loben wollte, so konnte man sagen: „Du hast die Arbeit doch auch erfunden!“. Und wenn man einer besonders guten Idee zustimmen wollte, hieß es nun: „Kommt in die Tüte!“. Manches Mal musste er über seine Schöpfungen schmunzeln. Er war so zufrieden mit seiner Arbeit, dass er es angemessen fand, den Tag auch mal vor dem Abend zu loben.
Doch dann, er war gerade fertig mit der Liste, rief ihn Sibylle, seine Frau, zum Essen. Er setzte sich zu ihr an den Tisch und begann begeistert, von seiner revolutionären Idee zu erzählen. Als er seinen Monolog beendet hatte, sagte Sibylle etwas. Aber er hörte nicht richtig zu, denn er war noch so von seiner Idee in Beschlag genommen, dass er sich einfach auf nichts anderes konzentrieren konnte. Er stellte sich vor, wie die korrigierten Redewendungen tatsächlich im Alltag gebraucht wurden und malte sich die gesellschaftlichen Folgen davon aus. Vielleicht wäre es in Zukunft möglich, das Gleichgewicht in der Sprache wiederherzustellen.
„Martin, so kann es nicht weitergehen“, sagte seine Frau schließlich mit lauter Stimme. „Du hörst mir nicht einmal mehr zu.“ Dazu muss man wissen, dass die Stimmung im Hause Albrecht bereits seit Weihnachten ziemlich unterkühlt war. Sie hatten vereinbart, sich diesmal gegenseitig nichts zu schenken, doch während sich Herr Albrecht an diese Vorgabe gehalten hatte, hatte Sibylle doch „eine Kleinigkeit“ für ihn besorgt. Das hatte Herr Albrecht verärgert und es entwickelte sich ein abendfüllender Streit. Mittlerweile hatten sie über dieses Thema zwar den Mantel des Schweigens gelegt, er fühlte sich aber noch immer im Recht. Er lebte in einer Welt, in der „Ja“ „Ja“ und „Nein“ „Nein“ bedeutete. Und wenn man vereinbarte, sich nichts zu schenken, dann schenkte man sich auch nichts. War das denn so schwer?
Doch auch bei Sibylle hatte diese Sache Spuren hinterlassen und in diesem Moment beim Abendbrot platzte der ganze Groll aus ihr heraus, der sich über die vergangenen Wochen angestaut hatte. Herr Albrecht versuchte noch, die Wogen zu glätten: „Entschuldigung, liebe Sibylle, dass ich dir nicht zugehört habe: Was hast du gerade gesagt?“
„Dass das mit den Redewendungen eine Kack-Idee ist!“, rief Sibylle. „Oder, um es mit deinen Worten zu sagen: Sie ist von schlechten Eltern!“
„Wie bitte?“ Herr Albrecht war brüskiert. „Diese Idee ist doch das Gelbe vom Ei! Da hab ich mich nun wirklich mit Ruhm bekleckert.“
„Ich habe lange genug ein Blatt vor den Mund genommen!“, rief Sibylle aufgebracht. „Aber jetzt sage ich es: Niemand interessiert sich für deine dämlichen Sprachspielereien!“
„Du wirst schon sehen“, entgegnete Herr Albrecht, „Mit dieser Idee locke ich bestimmt einige Hunde hinter dem Ofen hervor! Damit werde ich sehr viele Blumentöpfe gewinnen!“
„Du bist doch verrückt!“
„Verrückt?! Na, hör mal, Sibylle, ich hab sie doch noch alle, ich bin ganz knusper!“
„Du bist auf den Kopf gefallen. Und, das ist jetzt persönlich gemeint: Du bist ein Loser! Jeder kann dir das Wasser reichen.“
„Sonst warst du immer so nett zu mir, hast alle guten Haare an mir gelassen. Unser Leben war doch ein Ponyhof, ein Zuckerschlecken. Und jetzt so was. Ist es wegen unseres Streits an Weihnachten? Ist das nicht schon längst vergessen?“
„Oh nein“, antwortete Sibylle. „Das ist ganz heißer Kaffee, danach kräht auch jetzt immer noch ein Hahn!“
„Aha, also doch, ich hatte davon schon die lauteste Ahnung. War das denn so schlimm?“
„Das tat der Liebe einen Abbruch.“
„Nur weil wir uns einmal gestritten haben?“, fragte Herr Albrecht.
„Einmal ist einmal. Manchmal macht eben schon eine Schwalbe einen Sommer. Außerdem hast du dich schon immer mit Fehl und Tadel verhalten. Ich habe mir lange genug einen Zwang angetan. Doch dagegen ist ein Kraut gewachsen: Ich verlasse dich.“
Herr Albrecht war schockiert. „Das ist doch ein Beinbruch!“, jammerte er. „Wie kannst du mir das nur antun!“
„Das bringe ich übers Herz. Du bedeutest mir so wenig, das geht auf eine Kuhhaut!“, zischte Sibylle feindselig. „Und soll ich dir was sagen?“
„Ja, sag es mir ins Gesicht, das halte ich im Kopf aus!“
„Ich habe eine Affäre, schon seit Langem. Mit Bruno.“ Bruno war ein gemeinsamer Freund der Albrechts, ein etwas jüngerer, sportlicher Typ.
„Was ich weiß, macht mich heiß!“, rief Herr Albrecht wütend. „Ich dachte immer, ich sei dir gut genug!?“
„Wahre Schönheit kennt ein Alter. Und das hast du erreicht.“
„Alter schützt vor Torheit. Liebst du mich denn nicht mehr?“
„Alte Liebe rostet“, antwortete Sibylle kühl.
Herr Albrecht staunte schlecht. „Ich geh jetzt zu Bruno“, sagte Sibylle und marschierte ins Schlafzimmer, um ihre Sachen zu packen. Herr Albrecht lief ihr hinterher und sah zu, wie sie einige Kleidungsstücke in einen Koffer warf. Er wusste, was er sagen sollte, aber er fackelte lange. Dann begann er zu reden, fahrig, mit Punkt und Komma: „Ich wusste gleich, dass Bruno damit was am Hut hat. Der hat sich schon Vieles zuschulden kommen lassen, der kann vielen Fliegen was zuleide tun, der hat schon öfter jemandem ein Haar gekrümmt.“
„Das musst du gerade sagen“, giftete Sibylle.
„Wer im Glashaus sitzt, kann trotzdem auch mal mit Steinen werfen! Außerdem hab ich mich immer anständig verhalten, ich bin ein Kind von Traurigkeit! Gegen Bruno kann ich anstinken!“
„Pah, Bruno ist so viele Deute besser als du, ich konnte ihn schon immer ausstehen. Der kann nicht nur finanziell große Sprünge machen, der macht seine Finger krumm, rührt beide Hände, reißt sich ein Bein für mich raus. Und er hat Ahnung vom Tuten und Blasen. Er weiß sowohl ein als auch aus.“
„Ok, vielleicht habe ich ein paar Fehler gemacht“, räumte Herr Albrecht ein. „Vielleicht habe mich zu oft lumpen lassen, aber…“
„Die Bohne!“, unterbrach ihn Sibylle.
„Aber ich kann mich ändern! Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans vielleicht noch. Ich kann aus meiner Haut raus, das ist ein Ding der Möglichkeit!“
„Alles für ungut, Martin, zwischen uns passen mittlerweile zu viele Blätter Papier.“
Herr Albrecht war ratlos, schließlich sagte er mit mit der Wimper zu zucken: „Aber möchtest du nicht noch einmal drüber nachdenken? Was du heute kannst besorgen, das verschiebe auch mal auf morgen?“
„Aufgeschoben ist aufgehoben“, entgegnete Sibylle und lief mit dem Koffer in Richtung Wohnungstür.
„Lass uns reden, vernünftig, mit Rücksicht auf Verluste“, rief Herr Albrecht ihr hinterher. „Dann kommen wir bestimmt auf einen grünen Zweig und, schwupps, hängt der Haussegen wieder gerade.“
Sibylle reagierte nur mit einem Schnauben. Sie wollte es wahrhaben. Als sie aber die Wohnung verlassen wollte, stellte sich Herr Albrecht in den Türrahmen und versperrte ihr den Weg. „Reisende soll man aufhalten!“, rief er verzweifelt. Doch er ließ sich unterkriegen, denn Sibylle schob ihn einfach zur Seite. „Du bist doch aus Zucker!“, rief sie höhnisch. Herr Albrecht hatte den Schaden und sorgte trotzdem noch für Spott.
„Dann muss ich wohl fassen, dass du mich verlässt“, sagte er mit Tränen in den Augen, während Sibylle durch die Tür schritt. Doch er startete noch einen letzten Versuch: „Komm schon“, bettelte er. „Bleib hier! Sei ein Frosch!“
Es war für Sibylle ein Angebot, das sie… ablehnen konnte. „Tränen lügen! Bei dieser Show, die du hier abziehst, bleiben zwei Augen trocken. Nämlich meine. Ich gehe jetzt – bis hierher und noch weiter!“
Die Tür krachte ins Schloss und Herr Albrecht blieb allein in der Wohnung zurück. Es war aller Tage Abend. Er setzte sich zurück an den Esstisch und dachte noch einmal über seine Idee nach. Schlecht, Herr Specht.

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